No boders. No Nation. – Die Migrationsfrage als Teil der Systemfrage | System change by migration

Seit Jahrzehnten verschärfen die Industriestaaten des Globalen Nordens ihre Migrationskontrollen, die in zunehmend ausdifferenzierenden Sicherheitsgesetzen, der vermehrten Errichtung von Zäunen und Mauern sowie der steigenden Produktion von im Transit lebenden Menschen und unzählbaren Todesfällen münden. Obgleich es ein offenes Geheimnis ist, dass es den Staaten so dennoch nicht gelingt, die subalterne Mobilität zu stoppen, wird aus Souveränitätsgründen nicht von dieser Praxis abgerückt und so Menschen weiterhin in die Illegalität gedrängt. Die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Visaregimen, Abschiebegefängnissen und biometrischen Kontrollen dient daher lediglich der Konservierung der staatlich gelebten Illusion menschliche Mobilität kontrollieren zu können.

Und seit ebenso vielen Jahrzehnten leisten linke, antirassistische und migrantische Bewegungen Widerstand gegen diese Illusion. Parolen wie „No Border! No Nation! Stop Deportation!“, „Grenzen auf für alle Menschen“ oder „Nevermind the papers“ fordern die Abschaffung aller nationalstaatlichen Schranken und treten für das Recht auf globale Bewegungsfreiheit ein. Was genau damit aber gemeint ist, bleibt oftmals schemenhaft. Vielen Aktivist*innen ist wohl selbst unklar, ob ihre Forderung eher realpolitisch verstanden werden soll oder lediglich einem utopischen Wunsch ähnelt, der erst durch das Einsetzen einer globalen Systemtransformation in die Sphäre das praktisch Machbaren rücken würde. Wie soll etwa globale Bewegungsfreiheit möglich sein, ohne dabei gleichzeitig einem allumfassenden Zwang zur ständigen Flexibilität und Mobilität Tür und Tor zu öffnen, dem wir alle in der kapitalistischen Wirtschaftsweise, und in Zeiten verbreiteter Austeritätspolitik und Refeudalisierung, auf nationalstaatlicher Ebene sowieso bereits ausgesetzt sind?

Unserer Überzeugung ist, dass seit dem Sommer der Migration die immanenten selbstzerstörerischen Tendenzen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems nur noch deutlicher hervorgetreten sind. Das globale Modell eines „Gated Capitalism“ (Rainer Rilling) [1], in dem sich schrumpfende Wohlstandszonen vom zerfallenden Rest der Weltwirtschaft abschotten, kann im weiteren systemkonformen Fortlauf nur dann stabil bleiben, wenn das staatliche Gewaltniveau entsprechend neu ausgerichtet wird. In dieses Bild passt etwa die Forderung der AfD nach einem Schießbefehl für die europäische Grenzpolizei, aber ebenso die Entwicklung einer militärischen Verteidigungsunion, die seit dem Ergebnis der US Wahl in den EU Gremien diskutiert wird. Um diese Entwicklungen einzudämmen, bedarf es daher einer progressiven Kapitalismuskritik, die aus einem Dreiklang von migrations-, wirtschafts- und sozialpolitischen Strategien besteht, um so die Möglichkeiten einer postkapitalistischen Wirtschaftsweise aufzuzeigen. Denn insbesondere die zunehmende gesellschaftliche Angst vor dem Herausfallen aus der realexistierenden Leistungsgemeinschaft, bereitet einen idealen Nährboden für rassistische Politik. Würde es daher gelingen, eine positive Erzählung über die sozialökologische Transformation der Wirtschaft hervorzurufen, die soziale Konkurrenz durch individuelle Sicherheit ersetzt, würde diesen nationalistischen Kräften die Mobilisierung erschwert und sie strukturell geschwächt werden. Dazu bräuchte es allerdings massive Investitionen in soziale Infrastrukturen und eine ökologische Transformation, die durch eine finanzielle Umverteilung von oben nach unten getragen wird. [2]

Als einen ersten Schritt in diese richtige Richtung müssen wir zunächst anerkennen, dass unsere sich im Niedergang befindende imperiale Lebensweise ein postkoloniales Grenzsystem erzeugt, welches Tod und soziale Verelendung im Globalen Süden provoziert. Lasst uns also realistisch sein und für das Unmögliche kämpfen – A nation that cannot control its borders, is not a nation at all. [3]


For decades, the industrialized countries of the Global North have intensified their migration controls, resulting in increasingly differentiated security laws, the increased construction of fences and walls, the increasing production of transit people and innumerable deaths. Although it is an open secret that the states are still not able to stop the subaltern mobility, they do not remove this practice why humans are still be forced into the illegality. Therefore, the development and maintenance of visa regimes, deportation jails and biometric controls serve only to maintain the state-lived illusion of controlling human mobility.

And for as many decades, antiracist and migrant movements have been resisting this illusion. Slogans like „No Border! No Nation! Stop Deportation! „,“ Borders down for All People“ or „Nevermind the papers“ demand the abolition of all national state barriers and stand up for the global right of free movement. But what this exactly means often remains vaguely. Probably it is for many activists unclear whether their demand shall be understood as a realpolitical statement or merely resembling a utopian desire, which would be only practical feasible by introducing a global system transformation. For example, how should a global right of free movement be possible without creating simultaneously a door opener to an all-encompassing compulsion for constant flexibility and mobility – a status we all are already confronted with on national level?

Our persuasion is that since the summer of migration the immanent self-destructive tendencies of the present economic system have only become more obvious. The global model of a „gated capitalism“ (Rainer Rilling) [1], in which shrinking prosperity zones are being foreclosed for the decaying rest of the world economy can only remain stable if the state’s level of violence gets accordingly redesigned. The demand of a shooting order for the European border police by the german political party AfD but also the development of a military defense union, which is in discussion since the outcome of the US election, are perfect examples for the realignment. In order to embank these developments a progressive capitalism critique is necessary, which consists of a three-pronged approach of migration, economic and social policy strategies for demonstrating the possibility of a post-capitalist economy. In particular, the growing societal fear of dropping out of the meritocracy is an ideal breeding ground for racist politics. For this reason, a positive narrative about the social-economic transformation of the economy is necessary, that contains the cancellation of social competition by individual security. That narration would succeed in demobilizing these nationalist forces and structurally weakening them. However, this would require a massive investment in social infrastructures and an ecological transformation carried out by a financial redistribution from the top to the bottom. [2] As a first step in this accurate direction, we must at first recognize that our imperial way of life provokes a post-colonial border system that leads to death and social impoverishment in the Global South. So let us be realistic and fight for the impossible – A nation that can not control its borders, is not a nation at all. [3]

[1] Rilling, Rainer (2014): Die Ungleichheitsmaschine. Eine Übersicht zu „Capital“ von Thomas Piketty. URL: https://www.heise.de/tp/features/Die-Ungleichheitsmaschine-3502947.html, letzter Aufruf: 15.05.2017.

[2] Georgi, Fabian (2016): Offene Grenzen als Utopie und Realpolitik. URL: http://www.zeitschrift-luxemburg.de/offene-grenzen-als-utopie-und-realpolitik/, letzter Aufruf: 15.05.2017.

[3] Ronald Reagan

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